Schreckenswälder

Ihre Namen klingen harmlos, fast idyllisch – doch die Orte wurden zu Synonymen für Leid und Elend unfassbaren Ausmaßes: Buchenwald, Birkenau, Fünfeichen, Belower Wald. Ist das Zufall oder steckt auch Absicht dahinter? Ein Erklärungsversuch über die Nähe des Bösen zu den Bäumen und über Formen der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit dem Thema.

Von Britta Mentzel, Ausgabe 03/20

Anfang hieß das Lager acht Kilometer außerhalb von Weimar Ettersberg. Keine zwei Wochen nach seiner Fertigstellung im Juli 1937 bekam es einen neuen Namen. Statt Ettersberg, einem Begriff, der sich nach Meinung der Weimarer »NS-Kulturgemeinde« zu eng mit der Klassik verband, nannte man das Lager auf der Kuppe fortan Buchenwald. Die Bäume, die hier gestanden hatten, waren zu diesem Zeitpunkt längst gerodet, um Platz zu schaffen für Baracken. In ihnen saßen bis zur Befreiung des größten Konzentrationslagers auf deutschem Gebiet am 11. April 1945 insgesamt fast 280 000 Häftlinge ein. Über 60 000 Menschen fanden hier den Tod. Noch viel mehr wurden in Auschwitz umgebracht: mehr als 1,2 Millionen, darunter über eine Million Juden. Das zweite Konzentrations- und Vernichtungslager nahe Oświęcim hieß nach dem polnischen Dorf Brzezinka, zu deutsch Birkenau. Erst der Zusammenklang beider Namen macht das Grauen vollständig.  

Buche, Föhre, Birke (von links nach rechts) © Tanja Clauss

Ursprünglich standen rund um Brzezinka Birkenwälder, wahrscheinlich fanden sie schon die Dominikaner vor, die im 14. Jahrhundert in der Gegend Weideland erhielten, so belegt es eine Urkunde. Die Bezeichnung Birkenau lässt sich also historisch begründen – und sie entsprach wohl auch noch der Wirklichkeit, als die Ausbeutungs- und Tötungsmaschinerie von Nationalsozialisten und den beteiligten Industrien, die von den Zwangsarbeitern profitierten, ab 1941/42 auf Hochtouren lief. Wie Häftlinge berichteten, gab es zwischen Weichsel, Sola und Przemsza noch Bäume, die dem Bau eines fünften Krematoriums im Wege standen – und auch die Luftaufnahme amerikanischer Bomberpiloten aus dem September 1944 zeigt vor allem Richtung Osten einen Rest von Wald in einer geschundenen Landschaft. Ob ihn die Häftlinge als ein Versprechen von Freiheit begreifen konnten? Tatsächlich barg die Natur hier ihren eigenen Schrecken, scheiterten doch viele der seltenen Fluchtversuche an der Topografie des 40 Quadratkilometer großen Gesamtkomplexes zwischen drei Flüssen.

Schreibtischtäter in der Wildnis

Heinrich Himmler, der Vollstrecker der Vernichtung und eiskalte Biedermann, hatte eine Schwäche für harmlose Bezeichnungen: Sein Hauptquartier in der Ukraine, zugleich ein Siedlungsgebiet für 10 000 Deutsche, hieß Hegewald. Hitler griff etwas höher in der Wortschublade: In der Wolfsschanze, dem gut getarnten »Führerhauptquartier« im dichten ostpreußischen Wald, und dem »Adlerhorst« auf dem Obersalzberg über Berchtesgaden fantasierte er sich in die Nähe zum Unbezähmbaren. Mit der Wirklichkeit hatte das so wenig zu tun wie die Außenstelle Tannenwald des Lagers Buchenwald mit den örtlichen Gegebenheiten rund um Kransberg: In diesem Teil des Hochtaunus wachsen statt Tannen vorwiegend Eichen und Buchen. 

Woher kommt diese begriffliche Nähe zur Natur? Zunächst gibt sie Tarnung – was nach Fichtennadeln und Waldspaziergang klingt, macht sich unverdächtig bei Umsiedlungsprojekten, Verschleppungsabsichten und Mordplänen, aber auch gegenüber feindlichen Kartenlesern. Mit der Tarnung geht die Täuschung einher. Manch einer, der »abbefördert«, »umgesiedelt«, »evakuiert« oder »zur Abwanderung gebracht« wurde (so formulierte es das Amtsdeutsch) in Richtung eines beinahe nach Ferienziel klingenden Ortes, dürfte sich eine bessere Zukunft ausgemalt haben, als ihn und sie erwartete. Wie unvorstellbar muss die Ernüchterung gewesen sein!

Möglicherweise wirkte die versuchte Täuschung genauso stark nach innen wie nach außen. Wer mit »Endlösung« Völkermord umschreibt, dessen Verhältnis zur Sprache war ebenso gespalten wie seine Beziehung zur Wahrheit. Man belog sich mit den wohlklingenden Namen selbst, gab den wirklichen Abläufen einen grünen Anstrich und rückte sie damit in die Nähe zu natürlichen Vorgängen. Hier schließt sich selbst in Benennungsfragen der Kreis zur Herrenmenschen-Ideologie.

Tanne, Eiche, Fichte (von links nach rechts) © Tanja Clauss

Vertreibung unter anderen Vorzeichen

Vielleicht führte auch das vorausgesetzte »Schweigen im Walde« zu den beschönigenden Namen. Das mag später ein Motiv in Föhrenwald gewesen sein, jener Mustersiedlung, die 1937 bei Wolfratshausen für die Arbeiter der Pulver- und Munitionsfabriken Geretsried entstand. Nach Kriegsende kam dort der »Rest der Geretteten« unter, displaced persons, die den Holocaust überlebt hatten und noch nicht wussten, wo sie weiterleben konnten und wollten. Mehr als 5000 meist jüdische Bewohner hausten dort auf einem halben Quadratkilometer beisammen, im letzten jüdischen Schtetl Europas, wie einige sagten. Viele mögen Wurzeln geschlagen haben, denn erst 1957 wurden die verbliebenen Juden aus »Ferenwald«, so die jiddische Form, umgesiedelt – gegen ihren Willen. Man entfernte den Orts- und alle Straßennamen, als sollte die Erinnerung gelöscht werden, und benannte die Siedlung Waldram. Das historische Badehaus sammelt heute Dokumente und Zeitzeugenberichte, als wolle es aufhalten, dass alles im Dunkel verschwindet.

In anderen Diktaturen gab man sich weniger Mühe mit Euphemismen: Dass eines von Stalins Speziallagern in Deutschland Fünfeichen heißt, geht auf einen Stadtteil von Neubrandenburg zurück. Die Gulags im eigenen Land wie DmitLag, WorkutLag oder NoriLag tragen Ort oder Anlass ihrer Gründung mit im Namen – Dmitrow bei Moskau, die Stadt Workuta oder das Unternehmen Norilsk Nickel nahe der Stadt Norilsk in der nordsibirischen Region Krasnojarsk.

Spuren im Wald

Der Belower Wald war nie etwas anderes als eine Durchgangsstation – und er wurde auch nicht eigens so getauft, sondern hieß so seit Ritterzeiten. Im Gedächtnis haftet er dennoch als Schreckenswald. Am 21. April 1945 trieb die SS mehr als 33 000 Häftlinge auf einem Todesmarsch aus dem KZ Sachsenhausen Richtung Nordwesten. Etwa 16 000 verbrachten eine knappe Woche in dem Waldstück nahe Wittstock, ohne Nahrung und eine andere Schlafgelegenheit als den Boden. Die Gedenkstätte »Todesmarsch im Belower Wald« erinnert an die letzte Etappe der Strapaze für die Gefangenen vor ihrer Befreiung Anfang Mai – und die Bäume im Belower Wald bewahren ihre eingeritzten Botschaften. Glasstelen erklären an sieben Zeugnissen die Spuren. 

Auf dem Ettersberg über Weimar steht wieder ein Buchenwald. Der fast 500 Meter erreichende Höhenzug ist ein beliebtes Ausflugsrevier. Nach der Befreiung des KZ richtete die sowjetische Militäradministration dort ein Speziallager ein, in dem zwischen August 1945 und Februar 1950 etwa 7000 Menschen starben, die meisten an Krankheiten und Hunger. Sie wurden in Massengräbern verscharrt. Zwischen den längst wieder hohen Bäumen erinnern über 1000 Stelen an die Toten, jeweils eine für die Opfer eines Tages. Ein Wald aus Metall zwischen den Stämmen.

Die Kunst und das Unsagbare

Der Philosoph und Kulturhistoriker Georges Didi-Huberman hat unter dem Titel »Borken« einen Essay über seine Annäherung an Oświęcim und das größte Vernichtungslager geschrieben. Er assoziiert: »Birken von Birkenau, Birkenwald: es sind die Bäume selbst, die ihren Namen dem Ort gegeben haben, der, wie man weiß, nach dem Willen der Lagerkommandanten von Auschwitz ganz speziell der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas dienen sollte.« Was Didi-Huberman wohl zu den Birken in Berlin-Hohenschönhausen sagen würde? Zwischen Herbst 2011 und Frühjahr 2012 pflanzte der Krakauer Künstler Łukasz Surowiec im Zuge der 7. Berlin-Biennale 320 Birkensetzlinge aus der Gegend des Lagers Auschwitz-Birkenau in dem Stadtteil, der vor allem als DDR-Gefängnis im allgemeinen Bewusstsein präsent ist. Der Titel des umstrittenen Werks, den eine Zeit lang Tafeln erklärten, lautet »Berlin-Birkenau«. Seit Unbekannte die Informationen entfernten, können die Birken ungestörter wachsen. Łukasz Surowiec sah in ihnen einen lebendigen Friedhof: »In Birkenau, the trees are drinking the water from a ground made of ashes, and breathing the same air in which the smoke of the buried bodies was floating. So in a way those people are in these trees.« Das klingt hart, ist aber vielleicht auch nicht härter als die Stolpersteine, auf die man in deutschen Städten tritt.

Eine doppelt reflektierte Form, mit dem Unsagbaren umzugehen, hat Gerhard Richter gefunden. Dem Zyklus »Birkenau« liegen die wenigen Fotoaufnahmen zugrunde, die ein jüdischer Häftling im August 1944 unter höchster Gefahr im Lager machte. Richter übertrug die Motive auf große Leinwände und übermalte sie anschließend in mehreren Schichten. Der Besucher im Münchner Lenbachhaus sieht jedoch nur die Fotos der Bilder. Die Originaldokumente entziehen sich der Betrachtung hinter Bildern, die sich der Anschauung als Originale entziehen.

Weiterführende Links:
www.yadvashem.org
ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2014/7027/pdf/1.Dissertion.pdf
www.db-thueringen.de/servlets/MCRFileNodeServlet/dbt_derivate_00027926/148.pdf
www.welt.de/geschichte/gallery115647333/Fuenfeichen-Stalins-Speziallager
www.h-net.org
www.retraceblog.wordpress.com
www.deutschlandfunkkultur.de
www.below-sbg.de

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