Natur lesen

Eigentlich ist das Genre schon gut 160 Jahre alt, doch im deutschen Sprachraum kann es erst seit Kurzem Fuß fassen: das Nature Writing, die Naturbeschreibung, in der der Mensch zunächst nur als Beobachter eine Rolle spielt. Seit 2013 liegen viele Bücher nun in Übersetzung vor und lassen uns uraltes literarisches Neuland betreten.

Text: Britta Mentzel, Ausgabe 04/20

© marcelkessler/Pixabay

Mit der Benennung fängt es an: Für den Begriff Nature Writing gibt es im Deutschen keine Entsprechung. »Unsentimentale Naturbeschreibung« trifft es wohl am besten. Sie hat im deutschen Sprachraum keine Tradition, das klingt vielleicht erstaunlich, wenn man an all die Landschaftsbilder denkt, die vom Minnesänger über die Romantiker bis zu den Gebirgs- und Heidedichtern den Gegenstand von Schwärmerei, Staffage oder als Spiegel der eigenen Befindlichkeit bildete. Genau das aber meint Nature Writing nicht – statt die dramaturgischen oder dekorativen Effekte zu beschwören, die Landschaft liefert, möchte sie die Natur selbst beschreiben. Am nächsten kamen dem in der deutschen Literatur im 19. Jahrhundert wohl Theodor Fontane mit seinen »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« oder Adalbert Stifter in »Der Hochwald« und »Der Bergkristall«. Doch ging es dem einen immer eher um die sozialen Aspekte, während der andere einen Ausdruck innerer Zustände im scheinbar Unabsichtlichen suchte – und stand wirklich mal die reine Naturbeschreibung ohne Sentiment im Mittelpunkt, ätzte die Konkurrenz, man sei ein »Dichter der Käfer und Butterblumen«. So urteilte Friedrich Hebbel jedenfalls über den österreichischen Kollegen. Immerhin bleibt Stifter bei der Schilderung bayerisch-böhmischer Schneefälle ungeschlagen: »Das war kein Schneien wie sonst, kein Flockenwerfen, nicht eine einzige Flocke war zu sehen, sondern wie wenn Mehl von dem Himmel geleert würde, strömte ein weißer Fall nieder, er strömte aber auch wieder gerade empor, er strömte von links gegen rechts, von rechts gegen links, von allen Seiten gegen alle Seiten, und dieses Flimmern und Flirren und Wirbeln dauerte fort und fort und fort, wie Stunde um Stunde verrann.« Doch bald gesellt sich ein »Bangen in der Seele« dazu, und der Schneefall verlagert sich ins Gemüt.

»Die Natur ist voller Genie, voll Göttlichkeit, so dass auch nicht eine Schneeflocke ihrer formenden Hand entgeht.«


Henry David Thoreau

Teil des Ewigen

Was also ist Nature Writing und woher kommt es? Als sein Urvater gilt Henry David Thoreau, der 1845 für zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage in eine Hütte am Walden-See bei Concord/Massachusetts zog. Ein komischer Vogel, der mit seinem Lehrberuf brach, weil er seine Schützlinge nicht schlagen wollte, und der »Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat« schrieb. Die Hütte, errichtet auf einem Grundstück des Freundes und Philosophen Ralph Waldo Emerson, befand sich übrigens nur in relativer Einsamkeit, eine Stunde Fußentfernung von Concord entfernt. Aber weit genug, um der Zivilisation zu entsagen und »mit Vorbedacht zu leben, es nur mit den Grundtatsachen des Lebens zu tun zu haben und zu sehen, ob ich nicht lernen könne, was es zu lernen gibt.« Und natürlich um zu schreiben, nah an der Natur. »Als ich in die Höhe blickte, bemerkte ich einen schlanken, ungemein graziösen Falken, der, einem Nachtfalken ähnelnd, abwechselnd in Wellenlinien stieg und, sich überstürzend, wieder einige Meter tief niederfallen ließ; dabei zeigte er mir die Unterseite seiner Flügel, welche wie ein Atlasband oder das Perlmuttinnere einer Muschel in der Sonne glänzten.« Kein Tier ist zu klein (die Ameise), zu unbedeutend (das Eichhörnchen), zu hässlich (der Ochsenfrosch), als dass es Thoreau nicht voller Mitgefühl betrachtete. Seine zwei Jahre am See verdichtet er in dem Buch »Walden oder Leben in den Wäldern« zu einem, endend mit dem Frühling. Das passt zum Aufgehen im ewigen Naturkreislauf: »Der Frühling ist eine echte Auferstehung, ein Stück Unsterblichkeit.« 

Pioniere zu allen Zeiten

Was Henry David Thoreau und andere Literaten des Nature Writing wie John Alec Baker, Annie Dillard und Nan Sheperd auszeichnet: Sie sind in der Natur unterwegs, wandern und beobachten. Der Rhythmus des Gehens strukturiert ihre Schriften. Die enthielten vor über 150 Jahren bereits Kritik und Warnung vor Zerstörung. Am anderen Ufer des Walden-Sees ratterte regelmäßig ein Zug vorbei und zerriss die Stille: »Der Mensch vergiftet die erfrischenden Luftströme der Natur und ist ein Fluch für das Land, das ihn gebar«, schrieb Thoreau. Und John Muir, Universalforscher und Umweltpionier, formulierte: »Bäume vernichten kann jeder Narr.« Muir, die Ikone der amerikanischen Nationalparkbewegung, stammte ursprünglich aus Schottland, genauso wie Nan Sheperd, deren Buch »The Living Mountain« ihre Novellen und Gedichte überstrahlt, obwohl sie es erst in den 1970er-Jahren über 30 Jahre nach seiner Entstehung publizierte. Zur gleichen Zeit erschienen John Alec Bakers »The Peregrine« und Edward Abbeys »Desert Solitaire« – und vor allem Annie Dillards »Pilgrim at Tinker Creek«. Nachdem sie ihre Abschlussarbeit über »Walden« verfasst und eine ernste Lungenentzündung überstanden hatte, zog sich die damals 27-jährige Autorin ein Jahr in die Wälder Virginias zurück und hielt in der Tradition von Thoreaus »Journals« täglich ihre Beobachtungen fest. 1975 erhielt »Pilgrim at Tinker Creek« den Pulitzer-Preis. Vielleicht hat diese Auszeichnung dem Genre neuen Atem eingehaucht, wenn auch nur in Übersee. Ähnlich wichtig dürfte der englische Autor Robert Macfarlane als Neuentdecker alter Schätze gewesen sein.

Fragen des Formats

Bis vor wenigen Jahren und mit wenigen halbvergessenen Ausnahmen wie dem »Bukolischen Tagebuch« des Schriftstellers Wilhelm Lehmann ist das Nature Writing eine rein anglo-amerikanische Angelegenheit. War es den Mitteleuropäern nach Alexander von Humboldt verdächtig, »nur« über Natur zu schreiben (es sei denn, man war Spezialist wie der Insektenkundler Jean-Henri Fabre)? Fehlte es am Format: non-fiction und doch poetisch? Als Ich schreiben, ohne das Ich zu ergründen? Dabei ist der Mensch aus der literarischen Naturerforschung nicht wegzudenken: »Über die Natur zu schreiben heißt, über Menschen zu schreiben«, ist ein Interview des Deutschlandfunks mit der Autorin Esther Kinsky übertitelt. Sie bewegt sich in ihrem Buch »Am Fluss« entlang der Überschneidung von Stadt und Landschaft und beschreibt ein »gestörtes Gelände« am River Lea nördlich von London. In der Natur finden sich menschliche Spuren, über denen sich wieder Natur entwickelt. Kinsky spricht lieber von »Geländeromanen« als Gattungsbezeichnung, um die Unvoreingenommenheit zu betonen: »Interessant ist dieser Ansatz: schreiben, was man sieht! … Ohne Zweck.«

Noch etwas radikaler denkt die Autorin Ulrike Draesner. Ihr gefällt am Begriff Nature Writing die Wertfreiheit: »Es gibt kein ›über‹ darin – wir würden das übersetzen mit ›schreiben über die Natur‹, und dieses Über impliziert ja die Distanz. Das Englische erlaubt die Konstruktion: ›Die Natur schreiben‹«, erläutert Draesner bei einer Gesprächsrunde im Studio LCB. Die Benennungsproblematik zielt also wirklich ins Herz – scheint aber zum Glück ausgeräumt.

»heute ist einer jener wunderschönen teilweise bewölkten Januartage, an denen das Licht ein unerwartetes Stück Landschaft auswählt und mit Gold überzieht, das dann von Schatten weggewischt wird. Du spürst, dass du lebst.«

Annie Dillard

Eine Reihe voller Entdeckungen

Nature Writing galt auch deshalb als eine Sache für anglophile Literaturliebhaber, weil die Klassiker, abgesehen von »Walden«, nicht in deutscher Übersetzung vorlagen. Dass es nun John Alec Bakers »Der Wanderfalke« und Edward Abbeys »Die Einsamkeit der Wüste«, Annie Dillards »Pilger am Tinker Creek« und Nan Sheperds »Der lebende Berg« auf Deutsch gibt, verdankt sich ganz wesentlich der Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky und dem Verleger Andreas Rötzer. Im Verlag Matthes & Seitz Berlin geben sie seit 2013 die aufwändig gestaltete Reihe »Naturkunden« mit zahlreichen (Erst)übersetzungen und neuen Naturbetrachtungen heraus. Schalansky und Rötzer haben den Trend erkannt und zugleich für den deutschsprachigen Raum gesetzt.

Längst sind in den 68 Titeln Autoren aus aller Welt vertreten: Alma de l’Aigle, Jessica J. Lee, Sumana Roy, Miek Zwamborn, Peter Geimer, Roger Deakin und viele andere. Es geht um wilde Wälder und Nelken, um Fliegen und die Sprache der Tiere, um Nashörner, Symbiosen und den Schleim. Seit 2016 lobt der Verlag einen Preis für Nature Writing aus, 2020 ging er an Ulrike Draesner und Esther Kinsky, auch zwei Pionierinnen.

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